Marcel Hirscher: "Der Skirennsport ist schräg"

Marcel Hirscher:
05.03.2016 17:28:59 | skionline.ch, Peter Gerber
APA. Der 27-jährige Marcel Hirscher hat am Samstag in Kranjska Gora den fünften Gesamtsieg im Weltcup klar gemacht, sowie den Gewinn der Riesenslalom-Wertung. Der Salzburger stellte sich anschliessend den Fragen der Journalisten.

Marcel Hirscher, da die noch verbliebenen Konkurrenten Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault ihr Restprogramm bekanntgegeben haben, ist der fünfte Gesamtweltcupsieg fixiert. Wie fühlt sich das an?
Marcel Hirscher: "Mathematisch ist es möglich, dass Henrik mich überholt, aber er sagte uns, dass er keinen Super-G fährt. Aber scherzt er nur, oder sagt er uns die Wahrheit? Hoffentlich sagt er die Wahrheit! Es ist ein bisschen komisch für mich. Es ist schwierig. Ich kann den Pokal noch nicht in meinen Händen halten. Aber wenn ich den Worten meiner Kollegen Alexis und Henrik glauben darf, dann ist es mehr oder weniger im Kasten. Was ist heute für ein Tag? Noch zwei Wochen zu warten..."

Pinturault und Kristoffersen haben garantiert, dass sie nicht mehr Rennen fahren werden als angekündigt. Also herzlichen Glückwünsch.
"Es ist voll zäh für mich... Ich freue mich riesig, ich habe einfach heute richtig zusammengekniffen und probiert, alles rauszuholen. Ich wusste, heute oder - das klingt so blöd -, aber ich wusste, ich kann heute hundert Punkte machen. Ich gehe das Risiko ein. Auch, dass ich ausfallen kann, ich habe eh noch mehrere Chancen, wo ich Punkte sammeln kann. Und auch im Riesenslalom-Weltcup zu wissen, wenn ich heute gewinne, kann ich das einmal fixieren, das ist ganz, ganz viel wert."

Die Emotion im Ziel galt also der Riesenslalomkugel?
"Nein, es war der Gesamtweltcup, der einfach präsent ist bei mir. Es war das grosse Ziel, mehr als dreihundert Punkte vor Henrik zu sein nach heute. Und das ist mir geglückt."

Obwohl es in den vergangenen Jahren knapper herging, wirken Sie heuer angespannter. Warum?
"Die Anspannung war nicht grösser, aber anders. Ich glaube, wenn man was zum Greifen nah hat, fällt es noch schwerer, weil man unter Anführungszeichen eh nur normal tun muss. Wenn man Aussergewöhnliches leisten muss, muss man eh über seinen Schatten springen und dementsprechend ans Limit gehen. Man hat eine Möglichkeit und eine Chance, das zu versuchen. Wenn ich jetzt teilweise die Schlagzeilen gelesen habe, das setzt so unter Druck, da kann ich nur verlieren. Ich selbst habe gemerkt, dass ich am Limit bin. Und merke, dass es nicht in jedem Rennen selbstverständlich ist. Der Druck für mich war schon hoch, weil es etwas Historisches sein kann, wird. Das ist ein Rekord, wenn er dann wirklich Tatsache ist, viel Spass beim Aufholen! Oder beim Einstellen!"

Ist es nicht leichter, unter Druck zu fahren, weil man dann konzentrierter ist?
"Es ist wie in der Schule. Manche zerbrechen an dem Druck, und manche steigern sich mit dem Druck."

Sie steigern sich. Also ist es gut, dass wir solche Schlagzeilen machen.
"Meistens steigere ich mich. Das mag oft vermeintlich einfach ausschauen, ist es aber bei weitem nicht. Ich freue mich, wenn ich irgendwann dann einmal ein Buch schreibe und da wirklich ins Detail gehe und einmal schreibe, wie es so Backstage oder hinter den Kulissen zugeht. Dass ich gestern am Abend noch nicht wusste, mit welchen Ski ich heute fahren werde. Und das Härteste ist, dass man versucht, einzuschlafen und den Gedanken loszulassen in den Tagen der Entscheidung. Der Skirennsport ist schräg, wenn ein halber Millimeter oft über Sieg oder Niederlage entscheidet, dann kann es sein, dass du irgendwann einmal verrückt wirst."

Mit einem Sieg haben Sie den Riesenslalom-Weltcup fixiert. Gestern noch Dritter, sagten Sie, dass Pinturault in einem Rennen heuer kaum noch zu schlagen sein wird. Heute sind Sie vor ihm Erster.
"Ich habe nur einen halben Millimeter am Setup verändert. Manchmal kann ein halber Millimeter die ganze Skiwelt ändern. Es war großartig, das Vertrauen oder Gefühl zu haben, dass alles ein bisschen leichter als gestern geht. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe den Druck von Alexis gespürt, denn er hat in den vergangenen vier Rennen gezeigt, dass er im Moment der Boss im Riesenslalom ist. Ich musste einen Schritt über mein persönliches Limit machen. Ich habe versucht, den Kugelgewinn heute klar zu machen, aber so leicht ist es nicht. Ich bin zuletzt im Riesenslalom über mein persönliches Limit gegangen, speziell das Rennen in Japan war ein grosser Schlag in mein Gesicht. Ich habe mein Bestes versucht und hatte keine Chance aufs Podest. Alles in allem war es ein sehr, sehr spezieller Sieg für mich. Ich denke, ich bin wirklich gut gefahren."

Zehn Punkte fehlen noch auf Ihre bisherige Rekordpunktezahl von 1535 im Jahr 2013. Ist das Ihre beste Saison bisher?
"Wenn ich mir die Punktestände anschaue, sollte das die beste Saison bisher sein. Aber ich muss sagen, das ist die Saison, in der ich die meisten Kämpfe hatte, ich musste mehr mit Kämpfen als geschmeidigem und leichtem Skifahren machen. Ich hatte wirklich hart dafür zu kämpfen."

Sie gelten als einer der härtesten Arbeiter im Zirkus, spulen ein enormes Pensum ab. Wie lange hält man das durch? Müssen Sie nicht auch mal etwas zurücknehmen?
"Es kommt drauf an. Wenn ich weiter an der Spitze sein will, muss ich noch mehr tun dafür. Ich möchte versuchen, den Zufall so weit wie möglichst zu minimieren."
Quelle: Die Antworten wurden von Birgit Egarter an der Pressekonferenz in Kranjska Gora aufgezeichnet
Foto: Agence Zoom