Salomon Racing Blog mit ... Fernando Schmed

Salomon Racing Blog mit ... Fernando Schmed
28.02.2016 16:42:11 | skionline.ch, Peter Gerber
Fernando Schmed erlebt einen Intensiven Winter 2015/16. Der 24-Jährige pendelt zwischen Wettkämpfen im Europacup und im Weltcup hin und her. Der Speed-Spezialist gibt Einblicke in die Unterschiede, die er zwischen den beiden Wettbewerben erlebt.

„Wenn ich im Renn-Ort ankomme, so befinde ich mich entweder in der ‚Weltcup’-Welt oder in der ‚Europacup’-Welt. Bewege ich mich im Europacup, so bereite ich mich auf ein Skirennen vor. Bin ich in einem Weltcup-Ort, so bereite ich mich ebenfalls auf ein Skirennen vor, weiss aber, dass noch ganz viel Drum-herum auf mich wartet. Pressetermine, Treffen mit Vertretern von Sponsoren und Ausrüstern zum Beispiel. Der Zeitplan ist gedrängter und es sind mehr Trainer und Betreuer vor Ort. Du bist als Athlet stärker betreut, vielleicht auch etwas mehr überwacht oder unter Kontrolle. Das alles ist Teil des Geschäfts. Ein Weltcup-Rennen ist – auch was das Leben neben der Piste betrifft – anforderungsreicher als ein Rennen auf Stufe Europacup. Für die ersten Rennen im Weltcup musste ich mich umstellen und mich an die veränderte Situation gewöhnen, jetzt empfinde ich sowohl den Rummel im Weltcup wie auch die relative Ruhe im Europacup als normal und kann mit beiden Situationen gut umgehen.

Was dann meine Hauptaufgabe, das schnell Ski fahren betrifft, so treffe im ich Weltcup auf andere Voraussetzungen. Die offensichtlichste ist, dass im Weltcup deutlich längere und schwierigere Strecken zu bewältigen sind als jeweils im Europacup. Aber auch die Startzeiten sind anders. Während ich im Europacup mit einer guten Nummer früh starten kann und vielleicht schon um 11.30 „Feierabend“ habe, so sieht das im Weltcup völlig anders aus. Ich gehe vielleicht eineinhalb Stunden nach dem Fahrer mit Startnummer 1 aus dem Starthaus. Ganz extrem war es bei der Kombi in Chamonix: da bin ich wegen den Verschiebungen und der Programmänderung die Abfahrt erst kurz vor 16.30 Uhr gefahren. Der ganze Tagesablauf, den du seit Jahren intus hast, war durcheinander.

Da ist es wichtig, dass du in der langen Wartezeit genügend Zerstreuung findest. Ich zum Beispiel höre gerne Musik. Klar gehe ich auch das Rennen mehrfach im Kopf durch, aber letztlich sind auch Momente der Ablenkung nötig. Ich hätte am Start ja genügend Zeit, um den Kollegen beim Rennen zuschauen zu können. Mache ich aber nicht. Ich schaue immer wie Jänks (Carlo Janka, die Red.) fährt und vielleicht noch den einen oder andern Fahrer, der im Training hatte überzeugen können. Dann aber bin ich wieder weg vom Bildschirm.

Im Europacup können wir Athleten, weil es im Normalfall nicht viele Zuschauer im Startgelände gibt, problemlos im Bergrestaurant auf den Start warten. Im Weltcup aber stehen meistens besondere Räume zur Verfügung, in denen wir uns ungestört vorbereiten können. Ich schätze das, denn Selfies mit Fans kurz vor dem Rennen brauche ich nicht wirklich. Dafür gibt es nach getaner Arbeit genügend Zeit. Wichtig beim Europacup-Rennen ist, dass ich mit dem Physiotherapeuten oder einem Trainer die Abmachung getroffen habe, dass er meine Jacke und die andern Dinge wie meine Getränkeflasche mit ins Ziel nimmt. Geht das nicht, dann muss ich selber noch mal rauf zum Start. Im Weltcup habe ich am Abend vor dem Rennen die Aufgabe, einen so genannten Zielsack mit eben jenen Dingen zu füllen, die ich dann im Ziel brauche. Es ist bei weitem nicht so, dass dir im Weltcup – auch wenn mehr Betreuung da ist – alles abgenommen wird und du dich um nichts kümmern müsstest. Die Eigenverantwortung, gerade auch was Pünktlichkeit oder Ausrüstung betrifft, ist in beiden Rennserien wichtig. Das ist nicht wie in einem Mannschaftssport, wo dir das Dress in der Garderobe schön bei deinem Platz bereit gelegt oder dir die Getränke bereitgestellt werden. Nur weil im Europacup keine TV-Kameras da sind heisst das nicht, dass ich im Ziel die Baseballcap eines Fischereivereins aufsetze, da trage ich genau so die Ausrüstungsgegenstände des Sponsors wie im Weltcup. Ich muss also immer genau überlegen, wann ich wo welche Teile der „Uniform“ brauche.

Die Pisten sind in den beiden Wettbewerben oft nicht vergleichbar. Klar, wenn am Lauberhorn erst Europacup-Rennen und eine Woche später die Weltcup-Rennen stattfinden, ist der Unterschied nicht gross. Da müssen die wichtigen Stellen bereits für den Europacup perfekt präpariert sein, weil sonst auch die Zeit bis zum Weltcup nicht mehr reicht, diese Passagen renntauglich machen zu können. Wenn es vor einem Europacup-Rennen schneit, dann sind die Fahrer oft noch als Rutscher im Einsatz und helfen den Organisatoren, damit das Rennen stattfinden kann. Im Weltcup ist so etwas nicht denkbar.

Dass der Zielraum bei Europacup-Rennen mehrheitlich leer ist, nehme ich nicht als grossen Unterschied zu Rennen auf höchster Stufe war. Weil ich bei Weltcup-Abfahrten eine ziemlich hohe Nummer trage haben viele Zuschauer den Zielraum bereits verlassen, wenn ich über die Linie fahre. Letztlich aber stört mich das nicht gross, weil ich die Leistung in erster Linie für mich erbringe. Ein gutes Rennen im Europacup ist unter Umständen mehr wert, als wenn ich als 29. oder 30. im Weltcup ein, zwei Punkte holen würde. Sicher ist es für einen Carlo Janka ein anderes Erlebnis, wenn er ins Ziel fährt und die Hölle los ist. Und sicher ist es mein Ziel, genau das auch bald erleben zu können. Auch wenn das neue Verpflichtungen mit sich bringt.

Carol muss im Ziel den Medien Red und Antwort stehen – egal, ober eine Top-Fahrt hatte oder er mit einem Fehler und Rückstand ins Ziel gekommen ist. Das muss ich hingegen nicht. Und das ist eine Parallele zum Europacup, wo es praktisch keine Medienleute vor Ort hat. Selbst bei einem Podestplatz hält sich die Medienarbeit in engen Grenzen. Und dann verlasse ich den Zielraum und später den Ort fast anonym – eigentlich so, wie ich auch angereist bin.

Der Switch zwischen Europacup und Weltcup fällt mir nicht schwer. Das ist für mich heute Routine. Klar, wenn ich nur noch im Weltcup unterwegs wäre, dann würde ich den Europacup wohl kaum vermissen. Der Weltcup ist die höchste Klasse und hat einen grossen Stellenwert. Aber beide Rennserien sind eigene Welten mit eigenen Gesetzen und Anforderungen. Ein Seriensieger aus dem Europacup wird sich nicht automatisch im Weltcup durchsetzen können. Ein Vincent Kriechmayr oder ein Alexander Aamodt Kilde sind Ausnahmen. Die anspruchsvolleren Pisten sind ein Grund dafür. Es ist aber umgekehrt auch nicht so, dass ein Weltcup-Fahrer, der auf der Tour nicht richtig in Schuss kommt, sich im Europacup gleich an der Spitze einreihen kann. Jeder muss sich in diesen unterschiedlichen Welten zuerst einleben und sich dort etablieren können. Ich lebe derzeit in diesen beiden Welten und ich lebe ganz gerne mit den unterschiedlichen Herausforderungen.

Euer Fernando