Franz Klammer: "Gewinnen - oder es haut mich auf die Goschn"

Franz Klammer:
03.02.2016 13:29:16 | skionline.ch, Peter Gerber
APA. Franz Klammer gewann am 5. Februar 1976 in Innsbruck Olympia-Gold in der Abfahrt. Auch 40 Jahre später sind seine Erinnerungen noch frisch. Im Interview spricht der ex- Rennfahrer über seinen berühmten Ritt, den Clinch mit Ski-Fabrikant Josef "Pepi" Fischer, die sich momentan häufenden Verletzungen im Weltcup, seine Nachfolger im ÖSV und seine Kristallkugel-Tipps.

Mit Startnummer 15 hat sich Franz Klammer am 5. Februar 1976 in der Ski-Nation Österreich unsterblich gemacht. Der 22-jährige Bergbauernbub aus Mooswald hielt dem Erwartungsdruck stand und eroberte mit einem Husarenritt auf dem Innsbrucker Patscherkofel Abfahrtsgold bei den XII. Olympischen Winterspielen.  "Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Ich hab' so viele Fehler gemacht, bin aber g'fahren, was 'gangen ist", kommentierte Klammer seine Fahrt im Ziel. 33 Hundertstel lag er an jenem denkwürdigen Donnerstag vor Titelverteidiger Bernhard Russi. Die Siegerzeit: 1:45,73 Minuten. Erstmals seit Egon Zimmermann, der 1964 an selber Stelle triumphiert hatte, kam der Abfahrts-Olympiasieger wieder aus Österreich. Die zweiten Innsbruck-Spiele waren aus Sicht der Gastgebernation somit bereits am zweiten Tag gerettet.

Franz Klammer, wie präsent ist Ihre Gold-Abfahrt nach 40 Jahren noch in Ihrer Erinnerung?
Franz Klammer: "Als ob es gestern gewesen wäre. Ich weiss noch jeden Fehler und auch die guten Sachen, die ich gemacht habe."

Sie galten damals als logischer Favorit, haben in der Saison 1974/75 acht von zehn Rennen gewonnen. Dazu kam der Druck bei den Olympischen Spielen vor eigenem Publikum, die ganze Nation hat gewissermassen Gold erwartet. Wie stark haben sie die Erwartungshaltung damals auf Ihren Schultern gespürt?
"Die war schon da. Aber ich habe an und für sich unter Druck gut funktioniert. Je grösser der Druck, desto besser war es für mich. Wenn das Rennen nicht wichtig war, bin ich oft nicht sehr gut gefahren. Ich war auch in der Lage, das wirklich wegzublocken, zu dem Zeitpunkt, als ich an den Start gegangen bin. Da habe ich mich nur noch aufs Rennen konzentriert und nicht auf den Russi, der damals über eine halbe Sekunde vor dem Zweiten Herbert Plank war."

Kann man das Drumherum tatsächlich komplett ausblenden?
"Es ist nur darum gegangen, schnell Ski zu fahren und den Berg zu bezwingen. Wenn ich das so gut mache, wie ich kann, habe ich eine gute Chance, dass ich gewinne, waren meine Gedanken. Oder besser gesagt: Ich habe gewusst, dass ich gewinnen werde - oder es haut mich auf die Goschn."

War das Instinkt, in dem Moment anders zu fahren?
"Im Nachhinein war das einfach, weil ich etwas machen habe müssen, um nicht passiv auf der Linie zu hängen und paralysiert zu sein von der ganzen Situation. Auf das bin ich eigentlich sehr stolz: Dass ich in der Lage war, das Risiko einzugehen und flexibel zu bleiben."

Mit ihrer Startnummer 15 haben sie sehr lange auf Ihren Start warten müssen. War zu dem Zeitpunkt die Piste noch in einem annehmbaren Zustand?
"Die Piste war schon ramponiert. Da waren Schläge da, die ich noch nie gesehen habe. Gleich oben bei der ersten Rechtskurve bin ich in einen Schlag reingefahren. Der war im Schatten, und wenn ich mit Nummer eins fahre, wäre der nie da."

Stimmt es, dass Sie damals partout nicht mit dem neuen Lochski fahren wollten, wozu die Ausrüsterfirma Fischer Sie drängen wollte?
"Sie wollten mich dazu zwingen. Aber man kann nicht vor dem wichtigsten Rennen im Leben einen neuen Ski nehmen. Da weiss man nie, ob der wirklich so gut geht. Ich habe also gesagt: Ihr könnt's mi' gern haben, ich fahr' den Ski, der mir passt. Ich bin zum Servicemann gegangen und habe gesagt: 'Gib' ma den Ski, ich nehm' ihn mit ins Olympische Dorf, weil sonst ist er gleich weg.' Da hätte der Pepi Fischer auf und ab hüpfen können. Ich habe ja nichts gegen den Lochski gehabt, aber man muss sich die Situation vorstellen."

Wie sehr hat der Olympiasieg Ihre weitere Karriere und Ihr Leben geprägt?
"Total. Das war mir zuvor nicht bewusst, dass eine einzelne Fahrt das Leben so drastisch verändern wird. Aber ich bin glücklich darüber, dass es sich so in diese positive Richtung entwickelt hat. Den Rummel lässt man gerne über sich ergehen, wenn man erfolgreich ist. Blöd ist, wenn man Zweiter ist, nachher ist es lästig (lacht). Dann muss man dauernd erklären, warum man nichtgewonnen hat."

Sehen Sie derzeit bei Ihren Nachfolgern im ÖSV-Speedteam eine Krise? In Ihren Kolumnen äussern Sie sich bisweilen ja durchaus kritisch.
"Wenn sich eine gewisse Unsicherheit durch das ganze Team zieht, ist es schwierig, das letzte Risiko einzugehen. Der Kilde (Sieger der Garmisch-Abfahrt), der ist ja jetzt gefahren, als ob es keinen nächsten Tage gebe. Momentan sind unsere Leute wahrscheinlich dazu nicht der Lage. Oft ist es eine mentale Geschichte. Weil Skifahren können sie, das ist überhaupt gar keine Frage. Ein Matthias Mayer hat schon alle Anzeichen gehabt, dass er ganz vorne mitfährt. Der ist halt leider ausgefallen."

Stichwort Verletzungsmisere. Sie waren auch in Kitzbühel dabei, wo es mehrere folgenschwere Stürze gab. Hätte man die Hahnenkamm-Abfahrt früher abbrechen sollen?
"Nein, es sind in dieser Kurve über die Jahre hindurch immer vier bis fünf Leute gestürzt. Heuer war es halt so, dass es zwei der besten Abfahrer in kurzem Abstand dort erwischt hat. Es hat schon viel dramatischere Stürze auf der Hausbergkante gegeben. Okay, die Sicht war schlecht und so weiter. Aber ich glaube schon, dass es fahrbar war."

Was sind die Ursachen für die vielen Stürze?
"Die heutigen Verletzungen gehen alle auf das Kreuzband. Der Schuh gibt nicht nach, weil er extrem steif ist, damit kannst du die ganzen Wellen nicht mehr ausgleichen. Dann hast du noch einen aggressiven Ski, der extrem schnell greift, und einen aggressiven Schnee. Dann kann man sich ausrechnen, was passiert. Natürlich ist es eine Pechserie, aber was bei den Österreichern auffällt, ist, dass eben eine gewisse Unsicherheit mitfährt. Bis auf Reichelt waren alle Stürze Innenskifehler, dann sind sie nach hinten gefallen. Das ist schon symptomatisch dafür, dass dieses Selbstvertrauen momentan abgeht im Team."

Was halten Sie von der Idee, in die Richtung Mentaltraining zu arbeiten?
"Ich glaube, die Läufer selber müssen aus dem Dilemma rausfinden. Weil runter fährt nicht der Mentaltrainer, sondern der Läufer. Der muss wissen, was er tut."

Wer wird heuer den Gesamtweltcup gewinnen?
"Naja, der Svindal ist jetzt weg, also ist die Chance für den Marcel Hirscher doch sehr gross. Bei den Frauen läuft es sicher für die Lindsey Vonn. Wenn sie die Abfahrten und Super-G so souverän gewinnt, wird sie das wahrscheinlich machen."

Würden Sie gerne mit Hirscher tauschen und in der heutigen Zeit aktiv sein?
"Nein. Okay, finanziell vielleicht schon (lacht). Aber sonst bin ich froh, dass ich zu meiner Zeit gefahren bin. Wir haben damals doch eine gewisse Privatsphäre gehabt. Du kannst ja heute nicht mehr tun, was du willst."



1985 gab der "Abfahrtskaiser" bei einer Pressekonferenz in Las Vegas seinen Rücktritt bekannt. Dass er niemals den Gesamtweltcup geholt hat, bedauert er nicht. "Das ist müssig, da noch nachzuwässern. Das sind die Fakten, und so war es." Seit den 1990er-Jahren ist Klammer als Botschafter und Konsulent für mehrere Unternehmen und Institutionen recht umtriebig. 1998 gründete er die Franz Klammer Foundation, die in Not geratene
Sportler unterstützt. Sein Bruder Klaus ist seit einem Unfall bei einer FIS-Abfahrt in Lienz 1977 querschnittgelähmt. Nach dem Schicksalsschlag erlitt Klammer vorübergehend einen sportlichen Einbruch. Klammer ist seit 1979 mit Eva verheiratet. Er lebt in Wien, seine beiden Töchter Sophie und Stephanie sind mittlerweile erwachsen. Sportlich aktiv ist er nach wie vor. Seine noch immer spärliche Freizeit verbringt der 62-Jährige unter anderem auf dem Golfplatz, dem Fahrrad und - logischerweise, darf man in diesem Fall sagen - auf der Piste.

Franz Klammer. – Geboren am 3. Dezember 1953 in Mooswald (Kärnten). – Abfahrtsolympiasieger 1976 in Innsbruck. Kombi-Weltmeister 1974 in St. Moritz und Abfahrtsweltmeister 1976 in Innsbruck. Gewinner der WM-Silbermedaille in der Abfahrt 1974 in St. Moritz. – 26 Weltcupsiege (25 in der Abfahrt, 1 in der Kombination). – Fünfmaliger Gewinner des Abfahrtsweltcup (1974/75, 1975,/76, 1976/77, 1977/78 und 1982/83).
Foto: Keystone